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Ich möchte meine Freizeit lieber auf diesem Wege teilen, wo ich nicht ständig veränderten Datenschutzeinstellungen ausgesetzt bin und jederzeit entscheiden kann, was ich wann wieder an Daten aus der Öffentlichkeit herausnehme.


Das Tagebuch der Nordland-Reise
Aida Luna – Nordmeerkreuzfahrt – 03. bis 17.Juli 2011

03.Juli, 11:30 - Start in Mönchengladbach

Wir haben genügend Zeit. Mit Pause brauchen wir für die Fahrt nach Hamburg fünf oder sechs Stunden und bis acht Uhr können wir an Bord gehen, aber Gundi will los. Also ab ins Auto, das Navi ist eingestellt, unser Ziel ist der Edgar-Engelhard-Kai. Auf der A2 fließt der Verkehr erstaunlich ruhig, erst auf der A7 gibt es dann einige Wolkenbrüche und 75 Kilometer zähflüssigen Verkehr, trotzdem sind wir um vier Uhr in Hamburg.
Die Koffer müssen wir nur aus dem Auto heben, sie werden in die Kabine gebracht. Das Auto wird abgeholt und untergestellt. Keine Schlange, in der es in Trippelschritten vorangeht, keine Kofferwagen in den Haxen. Im Vergleich zum Fliegen ist das hier purer Luxus. Um halb fünf sind wir in unserer Kabine, mit desinfizierten Händen, Foto im Computer um uns beim Betreten und Verlassen des Schiffs zu identifizieren und Bordkarte, mit der auf dem Schiff alles abgewickelt wird. Bargeld brauchen wir nun nicht mehr, am Ende der Reise wird alles von der Kreditkarte abgebucht. Kostenkontrolle ist jederzeit am Fernsehschirm möglich.
Unsere Kabine im Heck ist super, nicht viel kleiner als ein Hotelzimmer. Auf dem Balkon finden zwei Liegestühle, ein Tisch und sogar eine Hängematte bequem Platz. Nach einer halben Stunde sind die Koffer ausgepackt, wir sind angekommen.
Die Königin aller Kreuzfahrtschiffe, die Queen Elisabeth verlässt den Hafen und läuft majestätisch an Steuerbord vorbei, begleitet von den Fontänen eines Feuerwehrbootes. Aus diesem Anlass gibt uns der Kapitän eine kleine Lektion über die Christliche Seefahrt: Steuerbord ist in Fahrtrichtung rechts, Merke: Steue(r)echts, Backbord ist links, der Bug ist vorne, das Heck hinten, die Brücke oben und die Maschine unten. MS ist die Abkürzung für Motorschiff und nicht etwa für „Mumienschlepper“ wie Kreuzfahrtschiffe auch abfällig genannt werden.
Ich versuche, Anna per SMS mitzuteilen, dass wir gut angekommen sind, aber Gundi drängelt. Sie hat Hunger, und da ist nicht mit ihr zu spaßen. Die Mehrheit der über 2.000 Passagiere hat zur gleichen Zeit Appetit, in den Restaurants ist es gerammelt voll. Im Hotel hätte ich jetzt kehrt gemacht und außerhalb ein nettes kleines Gasthaus gesucht, aber wir sind auf einem Dampfer. Also nehmen wir die Herausforderung an: auf in die Schlacht am Buffet. Nach einigen Kollisionen mit überladenen Tellern, die als Jagdbeute triumphierend in Sicherheit gebracht werden, bekommen wir zwei Plätze, die nur frei wurden, weil Mitglieder einer Sippe irgendwo bessere Plätze erkämpft haben: „nu gommt riiber hiere sin de bläze scheener“. Das ist meine erste Begegnung mit dem allgegenwärtigen Sächsisch an Bord. Mein Abendessen fällt angesichts der Schlangen an den sehr reichhaltigen Buffets bescheiden aus. Dort wo niemand ansteht, hole ich mir ein wenig Salat und Käse. Wenn das so weitergeht, nehme ich ein paar Kilo ab anstatt zu. Aber Pustekuchen: An der Aida Bar lassen mir „Yellow Kick“ - ein Cocktail ohne Alkohol und Zucker für Diabetiker - und Knuspernüsse keine echte Chance.
Beim Rundgang durchs Schiff entdecken wir das Buffalo Steakhaus. Es sieht sehr einladend aus, ebenso das italienische Restaurant Rossini. In beiden ist es leer und die Speisekarten sind verlockend. Im Rossini gibt es ein sieben Gänge Menü für unter 30 Euro. Ade Selbstbedienung, Anstehen und Platzsuche, für den Rest der Reise ist die Entscheidung über das Essen gefallen.
Das Ablegen der Aida Luna und die Fahrt über die Elbe bei Nieselregen, vorbei am Airbus Gelände und „Willkomm-Höft“, sind eher unspektakulär.


04. Juli, Seetag




Wir schippern durch die ruhige Nordsee entlang der Küste Dänemarks nach Norden. Der Himmel ist grau in grau und das Frühstück so ungemütlich wie das Wetter. Der Kaffee wird gebracht, sonst gilt „Selbstbedienung!“. Diese Ernährungsmethode hat zwei Nachteile für mich: Am Anfang stehe ich ratlos vor der Vielfalt, und am Ende habe ich viel zu viel gegessen.
Nach dem Gang zum Buffet finde ich unseren Platz erst nach einer kleinen Odyssee wieder. Meiner Tischnachbarin geht es ebenso wie mir. Auf der Aida ist es immer zu voll meint sie, ihre letzte Reise mit der Phönix war gemütlicher.
Wir lernen Lektion eins: Einer bleibt sitzen und verteidigt die Plätze, bis der andere wieder da ist. Lektion zwei: Auffällige Kleidung erleichtert die Partnersuche. Lektion drei: Einen Platz in der Nähe eines markanten Punktes wählen, z. B. am dritten Fenster oder am Bierhahn links. Wahrscheinlich sind deshalb die Plätze an den Fenstern und in der Nähe der Zapfanlage immer besetzt.
Auch das zweite Paar, das sich zu uns setzt, ist enttäuscht. Sie sind zur Silberhochzeit mit Costa durchs Mittelmeer gereist. Das war zwar teurer, aber viel luxuriöser, meinen sie. Keine Platzsuche beim Abendessen, immer am selben Tisch mit den gleichen Leuten, und mit Bedienung. Allerdings waren für die Damen Abendkleider und für die Herren dunkler Anzug mit Krawatte vorgeschrieben, daher waren sie ständig underdressed. Später erzählen uns eingefleischte Aida Fans von derselben Reise das Gegenteil. Beim Abendessen gab es keine Auswahl und immer die gleichen Gesichter. Gespräche waren schwierig wegen der Sprachenvielfalt und es war nervig, dass alle Durchsagen in sechs oder sieben Sprachen gemacht wurden. Man kann es halt nicht allen recht machen.
Die angekündigte Seenotübung nach dem Frühstück verläuft so ereignislos wie das Mittagessen. Dann feiert mein schlechtes Gewissen einen grandiosen Sieg über die Faulheit und beschert mir zwei Stunden Training im Fitness Studio und das wohlige Gefühl, dem inneren Schweinehund ein Schnippchen geschlagen zu haben.
Zur Belohnung gibt es das Abendessen heute im Buffalo Steakhaus: Knusprige Speckbrötchen mit Walnuss- und Kräuterbutter, zur Vorspeise den Navajo Pot aus Lamm und Bohnen, dann einen Salat und ein 400 Gramm Rib-Eye-Steak. Zum Nachtisch einen doppelten Espresso und einen 18 Jahre alten irischen Single Malt Whisky. Gundi, die nur ein 280-Gramm-Steak mit Salat hatte, gelüstet es noch nach Fisch aus dem Marktrestaurant. Um halb neun ist es hier auch nicht mehr so voll. Wir bekommen einen eigenen Tisch, Gundi ihren Fisch und ich noch ein Glas Wasser.


05. Juli, Bergen


Beim Aufwachen liegt das Schiff ganz ruhig, wir sind also schon in Bergen. Gegen halb acht ist das Restaurant noch erfreulich leer und wir bekommen endlich einmal einen der begehrten Fensterplätze. Die Ryndam aus Rotterdam gleitet langsam am Fenster vorbei, sie hat uns gestern schon den ganzen Nachmittag verfolgt. Erst jetzt merke ich, dass wir es sind, die rückwärts anlegen. Kurz nach uns kommt noch ein Kreuzfahrer aus Spanien an, es wird wohl voll in Bergen, nicht nur im Hafen.
Halb neun, wir sind viel zu früh, aber Gundi drängelt, wie immer will sie bei den Ersten sein. Das Theatrium füllt sich schnell mit erschreckend vielen Menschen, die alle an den diversen Ausflügen teilnehmen wollen. Die Organisation ist perfekt, sogar die Sonne beginnt pünktlich zu scheinen. Die ersten vier Busse biegen nach links ab, die anderen vier nach rechts, die Radfahrer besprechen noch die Route und machen sich startklar. Wir steigen nach fünf Minuten wieder aus dem Bus. Gemeinsam mit geschätzten 500 anderen Touristen aus Deutschland, Holland und Spanien laufen wir in Gruppen, immer brav hinter den Regenschirm schwenkenden Guides, durch das enge Hanseviertel. Uralte Holzhäuser, in denen deutsche Kaufleute ihre Geschäfte, Lager und Wohnungen hatten. Nach einer knappen Stunde geht es dann mit dem Bus weiter durch Norwegens wunderbare Landschaft und anschließend fast zwei Stunden mit dem Linienboot über den Lysoenfjord, vorbei an der Ole Bull Villa, zurück zur Aida.
Das perfekte Dinner beginnt mit einem amuse gueule, einer Jakobsmuschel auf Kuskus, sehr lecker und üppiger als der erst Gang: „Dreierlei vom Lachs“. Drei daumennagelgroße Lachsröllchen, ein Esslöffel krauser Salatblättchen und Walnussvinaigrette aus der Pipette. Zweiter Gang: ein großartiges Hummersüppchen. Dritter Gang: ein quenelle von der Riesengarnele auf einem Ragout von Gemüsewürfelchen. Zur Erfrischung gibt’s als Zwischengang ein Cranberry-Waldmeister Sorbet.
Der Hauptgang, Filet vom Bachsaibling auf Püree von der Kaiserschote an Meerrettich-Ingwer-Schaum ist eine Lachsforelle, darauf wette ich. Auch am Nachbartisch wundert man sich, denn auf zwei von vier Tellern hat der Fisch eine unterschiedlich Farbe und Konsistenz. Den Fisch haben die Vier morgens gemeinsam mit dem Koch auf dem Markt eingekauft. Auf die kritischen Fragen hat der Kellner keine Antwort und ruft in der Küche an. Die Erklärung; die Farbe kommt von den Schalentieren, die Bachsaiblinge fressen, und sie hätten den Fisch doch am Morgen mit dem Koch gemeinsam ausgesucht, befriedigt aber nicht wirklich. Der Fisch schmeckt gut, daher wird das halt akzeptiert.
Zum Finale entscheiden uns wir für fünf Sorten Rohmilchkäse mit, Trauben, Walnüssen, Trockenfrüchten und Fruchtsenfen. Das Menü und der österreichische Grauburgunder waren vorzüglich und mit unter 100 Euro für zwei Personen sehr preiswert.
Nach der sehenswerten Revue „Somnambule“ und „Marry!B“, einem Travestie-Künstler, endet der Tag mit dem üblichen Yellow Kick, den Gundi heute mal mit einem gekonnten Schwung ihrer Jacke vom Tisch fegt. Es ist Bettzeit, halb zwölf und noch hell.


06.Juli, Rundfahrt durch Norwegens Landschaft und um den Geirangerfjord




Wir fahren nach Hellesylt an den Eingang des bekannten Geirangerfjords. Das Schiff ankert nur kurz, wir werden mit Booten an Land gebracht. Gundi drängelt, sie will bei den Ersten sein, die in den Bus steigen, um in „Eine Welt voller Schönheit und Erhabenheit“ einzutauchen. Die Landschaft ist sehr beeindruckend und lenkt von der Dampfplauderei unseres Guides ab. Das Gelaber ist inhaltslos und nervt nur: „Der Winter war hart und deshalb liegt noch viel Schnee“, ohne diesen Hinweis hätte ich das weiße Zeug auf den Bergen doch glatt für den Koksvorrat von Mette-Marit gehalten. Die folgenden Informationen stammen also nicht vom Guide, sondern aus diversen anderen Quellen.
In Norwegen leben auf 385 tausend Quadratkilometern nur etwa 5 Millionen Menschen, in Deutschland, auf 357 tausend Quadratkilometern fast 82 Millionen. Die Norweger sind ein konservatives, protestantisches und fremdenscheues Volk. Im 19. Jahrhundert, nach der Ablösung von Schweden, haben sich die Norweger nicht für eine moderne Staatsform entschieden, sondern für eine Monarchie. Da sie kein Königshaus hatten, mussten sie einen dänischen Fürsten als König importieren, frei nach dem Motto: Wer uns Jahrhunderte unterdrückt hat, den kennen wir schon. Den Beitritt zur EU haben sie zweimal per Volksentscheid abgelehnt.
Als der liebe Gott die Norweger einst gefragt hat, was sie sich von ihm wünschten, haben sie geantwortet, Natur, viele schöne Natur. Die hat der liebe Gott ihnen auch gegeben, und wegen der Kälte zum Heizen auch noch das Nordseeöl. Deswegen ist Norwegen derzeit das reichste Land der Welt.
Was die Norweger davon haben? Hohe Preise und Steuern (25 % MwSt., bis zu 51 % Einkommensteuer und horrende Luxussteuern), ein marodes Gesundheitssystem und privat finanzierte Straßen. Sie müssen 40 Jahre Maut bezahlen, wenn sie über Straßen und Brücken fahren, die neu gebaut oder renoviert wurden. Auch umweltpolitisch ist Norwegen kein Vorbild, wenn man so viele Fjorde hat, kann man auch im 21. Jahrhundert die Scheiße noch ungeklärt einleiten.
Kochen können die Norweger immer noch nicht, das Mittagessen ist so mies wie schon vor vierzig Jahren. Zuchtlachs, der nach dem Einfrieren und Auftauen, zur Sicherheit noch mal mausetot gekocht wurde, trocken, hart und zugekleistert mit einer geschmacksneutralen weißen Pampe. Süße Kartoffeln und ein armseliges Häuflein Gurkenscheibchen runden das Übel ab.
Autos können sie auch nicht bauen. Unser Bus, Chassis Volvo, Aufbau aus Norwegen hat zwar keine Klimaanlage, dafür aber eine miserable Lüftung. Entweder ist es stickig und heiß, oder es zieht und die meisten Gurte haben bereits nach einem Jahr den Geist aufgegeben.
Unser Guide ist Mitte der achtziger Jahre aus dem Land der Spätzle nach Norwegen gekommen. Der Gemeindepastor hat die Taufe seines Sohnes verweigert, nur weil er, der Vater, Deutscher war. Er ist dennoch geblieben. Er wird auch in Norwegen bleiben, denn mit seinen dummen Sprüchen über Ausländer und Asylanten fühlt er sich unter den konservativen Protestanten zum Glück wohler als im katholischen und jetzt auch noch grün regierten Baden-Württemberg. „Norwegen ist ein freies Land, hier gilt freie Meinungsäußerung und jeder darf frei und ungestraft sagen, was er will!“, leider auch jeder Trottel füge ich leise hinzu.
Die Natur hat die Fahrt trotz dem Geschwätz zu einem großartigen Erlebnis gemacht, und am Ende erfahren wir auch noch etwas Positives: „Wohnst du oben im Norden dann kann es passieren, dass dir nach drei Monaten Dunkelheit im Winter der Himmel auf den Kopf fällt und schwere Depressionen auslöst. Dann bezahlt dir die Krankenkasse unter Umständen einen Kuraufenthalt im Süden Europas.“ Wo in aller Welt gibt es so etwas Großartiges sonst noch?
Nach dem Geschwafel wird die ersehnte Ruhe auf dem Balkon leider wieder durch Hunderte Paaapaaaa-Rufe vereitelt. Nein, auch als Vater verstehe ich nicht, dass manche Scheißeltern glauben, sie seien mit ihren Scheißplagen alleine auf der Welt und müssen auf nichts und niemand Rücksicht nehmen.


07.Juli, Seetag



Im Restaurant sitzt eine ältere Dame alleine am Tisch, rechts und links von ihr sind die Tische frei, auch der am Fenster. Dort steht aber eine benutzte Kaffeetasse, daher meine Frage, ob dieser Platz besetzt ist. Antwort im Wiener Dialekt: „Dös konni iahne need sagn, drauf acht i ned“. Um Ärger zu vermeiden, setzen wir uns an den anderen Tisch. Nachdem ihr Ehemann mit überladenen Tellern die Bühne betritt folgt die Wandlung eines älteren österreichischen Ehepaars in eine dusslige, fette alte Spinatwachtel in Begleitung und das geht so: Alles, aber auch wirklich alles an dieser Reise ist miserabel, viel schlechter als damals vor 14 Jahren auf dem „richtigen“ Kreuzfahrtschiff. Der vorsichtige Einwurf des Gatten mit Blick zu uns „aber Buffets gabs da auch“ wurde gnadenlos weggewischt, ebenso der nächste Versuch: „Naja, das Schiff war halt nicht ausgebucht“. Mit der Sinnlosigkeit seiner Beschwichtigungsversuche konfrontiert richtet sich nun auch sein Unmut gegen alles und jeden auf dem Schiff, gegen das immer voll besetzte Theatrium, die Vorstellung der Ausflüge, die reine Verkaufsveranstaltungen seien, die ständig lächelnde Besatzung und, und, und, bis ich es nicht mehr aushalte.
Es entwickelt sich folgender kurzer Dialog zwischen uns: „Darf ich sie fragen, ob sie die Reise in einer Lotterie gewonnen oder selbst bezahlt haben?“. „Nadürlich sölbst bezohl!“. „Dann wünsche ich ihnen beiden weiterhin ein paar ganz schreckliche Tage auf dem Schiff und genügend Dinge, über die sie sich ärgern können, sonst wäre das viele schöne Geld, ja zum Fenster rausgeworfen!“.
Dieser Dialog spielt sich natürlich nur in meinem Kopf ab. Meine Erziehung und die schnelle Flucht von Gundi verhindern ihn in der Realität. Später beim Fahrradfahren grüble ich noch darüber nach, dass man die Vakuumtoiletten im Schiff so umbauen müsste, dass sie solche Fäkalschleudern gleich zusammen mit dem Scheiß wegschlürfen, den sie erzeugen.
Meinen Vorsätzen bleibe ich auch weiterhin treu, fast zwei Stunden Training im Sportstudio, dann sonnen auf dem Balkon mit Stöpseln im Ohr und ein sehr gutes Mittagessen in der Sushi-Bar. Während des Essens, so gegen halb zwei Uhr, machen uns das Signalhorn und eine Durchsage darauf aufmerksam, dass wir soeben den nördlichen Polarkreis passiert haben und am Pool die Polartaufe stattfindet, an der wir allerdings nicht teilnehmen. Beim Kaffeetrinken sitzen wir neben einem netten Ehepaar aus Friedrichsdorf im Taunus. Ich esse nur ein wenig Obst und einen Kreppel, das führt uns zum Thema Zucker. Sie erläutert uns sehr ausführlich den Verlauf ihrer Diabetes, die Stümperei der Ärzte und ist stolz, trotzdem die 64 erreicht zu haben. Als Gundi erklärt, dass sie genauso alt ist, fällt die liebe Frau beinahe vom Stuhl.
Am Abend sehen wir uns die Revue mit den russischen Artisten an. Für das Abendessen wählen wir heute die fast leere Pizza Mare und lassen den Tag bei Livemusik vom Donut-Trio mit dem obligaten Yellow Kick und Knuspernüssen in der Aida Bar ausklingen.
PS. Nach dem Gundi den bisherigen Text gelesen hat, besteht sie auf folgenden Ergänzungen: Gundi drängelt nicht, sie achtet lediglich auf Pünktlichkeit. Sie ist sehr entspannt und zufrieden, alles ist bestens, sie lobt mich zum 185. Mal und bedankt sich ausdrücklich bei mir für diese schöne Reise.


08.Juli, Nordkap


Das Wetter auf See ist schön aber kalt. Am Nachmittag tauchen an Steuerbord die Lofoten auf, später dann die Insel Mageroja mit dem Nordkap und der nördlichste Landspitze Europas, die den schönen Namen Knivskellodden trägt. Im kleinen Hafen Honningsvag legen wir an und sehen schon vom Schiff aus, dass wir hier in der Arktis sind. Die Landschaft ist vom Eis rundgeschliffen und baumlos, nur auf einem Südhang bei Honningsvag gibt es einen kleinen Wald, den nördlichsten Europas. Nach uns legt ein weiteres Kreuzfahrtschiff an, kurze Zeit später das Dritte. Es wird voll am Nordkap.
Ab acht Uhr geht es los. Alleine von der Aida wollen mehr als 2.000 Touristen ans Kap. Die Busse verkehren im Pendeldienst aber trotz guter Organisation, das ist Chaos vorbestimmt. Wenn der deutsche Tourist etwas sehen will, ist er erbarmungslos. Der Guide klärt uns auf: „Wenn wir am Kap sind, gehen sie am besten gleich vor an die Weltkugel und machen ihre Fotos. Das Wetter kann hier jeden Moment umschlagen, dichter Nebel zieht auf und man sieht die Hand vor den Augen nicht mehr“. Dieser wohlgemeinte Rat erstickt jeden Versuch eines geordneten Bustransfers im Keim. Gundi drängelt, sie will los. Mir kommt die Verspätung recht. Wir haben nur neunzig Minuten Zeit am Nordkap, je später wir dort sind umso höher meine Chance; denn ich bin natürlich hier um die Mitternachtssonne zu sehen. Um neun Uhr sitzen wir im Bus und fahren bei strahlendem Sonnenschein, vorbei an Rentieren, zum Kap. Der Busfahrer ist vom Wetter beeindruckt, so schön war es in diesem Jahr noch nicht.
Das Nordkap wird im Jahr von über 250.000 Touristen besucht. Die Saison dauert rund 60 Tage das macht also über 4.000 Besucher am Tag. Weil alle die Mitternachtssonne sehen wollen, sind die meisten in der Zeit zwischen zehn und ein Uhr nachts da. Obwohl das Plateau recht viel Platz bietet, ist an den zentralen Punkten, der Weltkugel und in der Nordkap-Halle, ein Gedränge wie in der Drosselgasse in Rüdesheim an einem schönen Sommerwochenende.
Wir machen unsere Fotos, bekommen nach langem Schlangestehen unsere Nordkapbriefmarken und entfliehen dem größten Trubel. Gundi muss mal, zurück ins Gewühl. Die Toiletten sind heillos überfüllt, nach 15 Minuten anstehen muss Gundi immer noch – anstehen, beinahe zu lang.
Gundi drängelt, sie will zurück, ich will die Mitternachtssonne sehen. Die ersten Busse stehen bereit zur Rückfahrt, Gundi will zurück - wegen des Mitternachtssnacks? Ich will noch nicht wegen der Mitternachtssonne. Bei den nächsten Bussen stehen wir falsch, keine Sorge, solange die Guides noch da sind, legt auch das Schiff nicht ab. Gundi drängelt weiter, kurz vor Mitternacht sitzen wir im Bus und die Mitternachtssonne lacht durchs Fenster.
Der Mitternachtssnack ist für diese Uhrzeit recht deftig: Bratwurst, Kassler, Leberkäse mit Spiegelei, Sauerkraut und Kartoffelpüree, Tunfisch und Chicken Wraps, Schinken und Käse Sandwichs und andere Leckereien. Die Besatzung wundert sich über den nächtlichen Hunger der Ausflügler. Nach einer Stunde ist alles leergefressen und einige Gäste beschweren sich, dass sie nichts mehr bekommen haben. Daraufhin zaubert der Koch noch drei Stangen Kassler aus der Küche herbei, na also, geht doch.
Gegen halb zwei Uhr morgens legen wir ab, es geht Richtung Südwest nach Island. Die Sonne steht im Norden schon wieder deutlich höher und scheint auf unseren Balkon. Mir fällt der Kinderreim ein: „im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen wird sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn!“, nördlich vom Polarkreis stimmt das nicht mehr, hier scheint die Sonne auch im Norden.


09.Juli, Seetag




Nach der langen Nacht am Nordkap bleiben wir bis mittags im Bett. Frühstück und Mittagessen lassen wir ausfallen. Das Sportstudio ruft, wie immer an den Seetagen absolviere ich meine Trainingseinheiten.
Das Eismeer liegt ruhig und tiefblau in der Sonne, unser Schiff zieht eine türkisfarbene Schaumlinie durchs Wasser, die sich am Horizont langsam auflöst. Entspannen beim Einkaufsbummel, eine Pina Colada probemixen und gleich zum Cocktail-Workshop anmelden. Dem Dia-Vortrag des Nordland Spezialisten über Island lauschen. Den ganzen Tag die Seele baumeln lassen und genießen, im Buffalo zur Vorspeise den Bisonschinken, danach das Bisonfiletsteak und mit einem doppelten Espresso und Amaretto das Abendessen abrunden. Einschlafen beim WM-Spiel der deutschen Frauen gegen die Japanerinnen. Ein ruhiger, angenehmer und sehr entspannter Seetag ist zu Ende.


10.Juli, Seetag


Über 1.000 Seemeilen liegen vor uns. Das Schiff fährt mit etwa 20 Knoten (Seemeilen) pro Stunden, wir brauchen also mehr als 50 Stunden bis Island.
Das Schiff schlingert stärker als bisher. Für den täglichen Aerobic Kurs der übergewichtigen Damen im Fitness Studio ist es noch zu früh, sie können also nicht die Ursache sein. Ich erinnere mich, der Kapitän hatte gestern angekündigt, dass der Wind in der Nacht auffrischt und die See unruhiger wird. Endlich habe ich das Gefühl auf See zu sein. Die Restaurants sind um halb neun noch erstaunlich leer. Allerdings liegt das nicht am Seegang, wir haben nur vergessen, die Uhr eine Stunde zurückzustellen. Um acht Uhr sind die Teller genauso mit Eiern, Speck, Schinken und Lachs beladen wie üblich, wenn die Gäste vom Buffet an ihre Plätze zurück schwanken.
Nach dem Frühstück suche ich mir ein ruhiges Plätzchen in der Lounge, sortiere meine Fotos und schreibe am Tagebuch. Gundi geht spazieren, stillsitzen und lesen kann sie bei dem Seegang nicht. Sie hat das Gefühl, dass sich die Seekrankheit bei ihr ankündigt, aber alles bleibt ruhig.
Am Abend hat Johannes Beetz, einer der zwölf Tenöre, mit beliebten Operettenarien seinen letzten Solo-Auftritt auf der Aida. Danach folgt „Memorys“, ein Querschnitt aus Musicals von Andrew Lloyd Webber. Gundi sitzt neben den Eltern von Johannes, die auch aus Oberfranken stammen. Sie nutzt die Gelegenheit und fragt sie ein wenig über ihren Sohn und das Künstlerdasein auf der Aida aus.
Die Sänger, Tänzer und Artisten sind durchweg Profis. Die Gagen sind nicht berauschend und sie wären noch niedriger, wenn nicht die noch schlechter bezahlten russischen Artisten dabei wären. Aber für die Künstler ist es eine gute Referenz, auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet zu haben. Das Essen für die Crew ist, verglichen mit dem der Passagiere, wie Werkskantine zu Gourmet-Tempel. Nur selten dürfen sie sich unter die Gäste mischen und auch der Besuch in einem Á la carte Restaurant ist nur spät und zu besonderen Anlässen erlaubt. Allein die Proben für die diversen Shows, die während einer Reisesaison etwa drei Monate lang aufgeführt werden, dauern 10 Wochen, was eindeutig an der Qualität der Darbietungen zu erkennen ist.
Gestern sind die deutschen Frauen bei der Fußball-WM gegen Japan rausgeflogen und Sebastian Vettel ist in Silverstone auf Platz zwei gelandet. Auch heute gibt es keine nennenswerten Ereignisse.


11.Juli, Akureyri, Island


Um sechs Uhr morgens laufen wir durch den Eyjafjördur, den längsten Fjord der Insel, nach Akureyri. Mit 17.500 Bewohnern ist es Islands Zentrale im Norden. Island ist mit 103.000 Quadratkilometern die zweitgrößte Insel Europas, hat aber nur 320.000 Einwohner. Durch den Golfstrom liegen die Temperaturen, obwohl der Polarkreis nur wenige Kilometer entfernt ist, im Sommer bei durchschnittlich 14°C und im Winter um den Gefrierpunkt. Wir haben 20°C und wieder den bisher schönsten Tag des Jahres erwischt.
Das Althing, Islands Parlament ist das älteste der Welt. Bereits um 930 haben sich die Wikinger einmal im Jahr im Thingvellier getroffen, um über wichtige Entscheidungen abzustimmen, so z. B. im Jahr 1.000, dass sie Christen werden. Island ist seit 1944, der Abtrennung von Dänemark, eine Republik und war der erste Staat der Welt mit einer Frau als Staatsoberhaupt. Isländisch ist eng verwandt mit allen skandinavischen Sprachen, wird aber nur von Isländern gesprochen und verstanden. Der isländische Nobelpreisträger Halldór Laxness hat eigens eine Sprachkommission gegründet, die zum Ziel hat, für Fremdwörter entsprechende isländische Wörter zu bilden, um die Sprache vor Überfremdung zu schützen. So wurde für Backpulver das schöne Wort “luytiduft“ geschaffen oder „farsimi“ für das Mobiltelefon.
Von Akureyri aus fahren wir zunächst dem Bus, dann geht es eine viertel Stunde zu Fuß zum Godafoss, dem Wasserfall der Götter. Hier wurde vom Oberhäuptling der Wikinger eine Götterstatue in den Fluss gestürzt, als sie Christen wurden. Die andern Götter haben sie lieber mal behalten, und auch heute noch glauben fast alle Isländer an Feen, Elfen und Trolle, was bei dieser Landschaft nicht verwundert. Weiter geht es, rund um den Myvatn, zu Deutsch Mückensee, dem zweitgrößten Binnensee Islands. Der See ist flach, nur zwischen einem und vier Meter tief. Im Sommer schlüpfen Myriaden von Mücken, deshalb ist der See einer der Hauptbrutplätze seltener Entenarten in Nordeuropa.
Abstecher nach Námaskard zu heißen, stark schwefelhaltigen Schlammlöchern und Dampffontänen. Es stinkt so erbärmlich nach faulen Eiern, dass wir froh sind, bald wieder wegzukommen nach Dimmoborgir in ein Gebiet mit besonderen Lavaformationen. Hier gibt es einen Lava-Park ähnlich dem in der Eifel, aber dort haben wir massive Basalt-Lava, hier bizarre Gebilde aus scharfkantiger Tuff-Lava.
Zum Mittagessen fahren wir in ein Restaurant nach Skútusdadir. Da man aber noch nicht auf uns vorbereitet ist, müssen wir umdisponieren und erst zu den Pseudokratern, kleinen Kratern mit 200-300 Metern Durchmesser. Sie sehen zwar so aus, sind aber keine Vulkankrater, sondern entstanden, als große Lavabrocken in den See stürzten. Jetzt kommen endlich die leckeren Forellen aus dem Mückensee auf den Tisch. Zurück auf dem Schiff gibt es Alarm aus Deutschland in Form einer SMS von Anna: Es ist was ganz Schlimmes passiert, ich soll so schnell wie möglich anrufen. Großer Gott, was ist ihr passiert? Naja, immerhin konnte sie noch eine SMS tippen. Ist was mit Asti oder ist das Haus abgebrannt? „Ich hatte einen Unfall, ich bin wirklich ganz langsam rückwärtsgefahren und da war niemand und plötzlich hat es gekracht und der Blödmann hat mich gleich ganz wüst beschimpft und die Polizei wollte nicht kommen …“. Frage: „Ist dir was passiert?“, „Nein“, der Puls sinkt langsam zurück auf 150 „Gut, Was ist kaputt?“, „eine Beule in der Stoßstange“, der Puls sinkt weiter auf 100, „also ruf bei Herrn Junior an, sag ihm Bescheid und mach dir keine Sorgen, das bekommen wir schon hin.“ Der Ruhepuls ist wieder erreicht.
Weiter schippern wir rund um Island nach Reykjavik. Leider hören wir die Durchsage des Kapitäns nicht, dass wir auf einer Wanderroute der großen Wale fahren und gute Chancen bestehen einige zu sehen. Als tatsächlich eine Gruppe von etwa 100 Blauwalen in der Nähe des Schiffs auftaucht und für Aufregung unter den Passagieren sorgt, sitzen wir entspannt bei der „Ladies Night“ im Kosmetik-Shop und lassen unsere Fingernägel schön machen.


eine Lavaspalte

12.Juli, Reykjavik


Wir kommen erst nachmittags in Reykjavik an, genug Zeit, um an meiner Fitness zu arbeiten. Eine Banane zum Frühstück, aufwärmen, zum Rückentraining an die Muckimaschinen anschließend 15 Kilometer mit dem Fahrrad an Islands Küste entlang radeln, ohne dass ich mich vom Fleck bewege.
eine Lavaspalte Im Bus haben wir heute die besten Plätze erwischt, direkt vorne in der ersten Reihe. Leider auch die Nervigsten, denn direkt hinter uns sitzt ein Ehepaar aus Hamburg. Statistisch spricht jede Frau 30.000 Wörter am Tag. Zumindest während der Busfahrt müssen drei Frauen mucksmäuschenstill gewesen sein, SIE redete nämlich ununterbrochen. Mit der spitzen Stimme wie Loriots Mutter in Ödipussi klärt sie uns über ihr Sexualleben auf, beim Angurten zu ihrem Mann: „Du hast dein Ding in die falsche Spalte gesteckt, das ist meine, deine ist die daneben“ oder ihr Seelenleben: „ich würde lieber ein Schaf in der Lüneburger Heide sein als hier in Island. Bei einem Fehltritt fällst du hier in so eine Lavaspalte und tauchst nie wieder auf, in der Heide fällst du wenigsten in weichen Sand“. Mir wäre sie allerdings als Forelle in der Elbe lieber, sicher machte sie dann ihr Maul genauso oft auf und zu aber es kämen wenigstens keine Töne dabei raus.
Dafür ist unser Reiseführer sehr angenehm. Schon über 70 und mit Glasauge. Er hat vor 50 Jahren in Deutschland studiert, arbeitet nur noch so zum Spaß und spricht neben Deutsch auch Spanisch, Italienisch, Französisch - und natürlich Norwegisch, Schwedisch, Dänisch und Englisch.
Los geht’s mir einer Rundfahrt durch Reykjavik. Erster Stopp am ältesten Heißwasserspeicher Islands, der mit EU-Geldern schick renoviert wurde, daneben ein kleiner Fake-Geysir für Touristen. Unser nächster Halt ist völlig überflüssig, ein mit Erdwärme beheiztes Gewächshaus mit vier Gummibäumen und viel Touristennippes, danach geht es weiter zum Gullfoss, dem goldenen Wasserfall, der sich 90 Meter tief in eine Schlucht eingegraben hat. Zum Glück hat der Regen aufgehört und die Sonne linst sogar ab und zu durch die Wolken. Scheinblüten und Blumen lassen sich bestrahlen. Naja, wieder ein Wasserfall, der ichweisnichtwievielte auf unserer Reise.
Nun ins Gebiet des großen Geysirs, der in den letzten Jahren aber sehr faul geworden ist, klärt uns der Reiseführer auf. Nur mit viel Flüssigseife kann er dazu bewegt werden eine Fontäne in die Luft zu blasen. Überall brodelt und dampft kochendes Wasser aus der Erde. Der kleine Bruder des großen Geysirs ist noch sehr aktiv und pustet alle 6-7 Minuten eine 10 Meter hohe Dampffontäne in die Höhe. Meine ersten drei Fotoserien zeigen nur weißen Nebel. Erst nach dem Mittagessen, Pilzsuppe, Lachs mit buntem Kraut und Kartoffeln, bei dem meine Chefin erst mal für einen geregelten Ablauf gesorgt hat, gelingt es mir endlich den Ausbruch auf Bilder: 1, 2, 3, 4 zu bannen.
Es wurde auch Zeit denn wir müssen weiter nach Thingvellier, dem Platz, an dem das jährliche Althing, das Parlament der Wikinger stattfand. Hier driften die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatte auseinander, völlig unspektakulär, ohne Feuerwerk, Blitz und Donner, aber in den Jahrtausenden ist eine sehenswerte Mikroausgabe des ostafrikanischen Grabens entstanden. Um elf Uhr sind wir zurück an Bord und nach einem Mitternachtssnack im Bett, denn morgen geht es früh raus.


13.Juli, Wale-Watching


Heute ist früh aufstehen angesagt, frühstücken, in den Bus, vorbei am Hús Höfð, dem Haus, in dem Michael Gorbatschow und Ronald Reagan im Oktober 1986 Weltpolitik geschrieben haben, vorbei an der neuen Konzerthalle mit ihren opalisierenden Fenstern und aufs Boot zur Walbeobachtung. Gundi kommt nicht mit.
Es ist saukalt und es regnet waagrecht, keine optimalen Bedingungen, um in einer ungeschützten Bucht Wale zu beobachten. Zunächst geht es aber zu einer Brutkolonie von Papageientauchern. Etwa 10.000 Paare brüten hier und ein ständiges Kommen und Gehen der etwa taubengroßen Vögel ist zu beobachten. Beim Fliegen sehen sie unbeholfen aus, dafür sind sie exzellente Schwimmer und tauchen bis 60 Meter tief, was aber leider vom Boot aus nicht zu sehen ist.
Der Wind bläst mit Stärke 7 und peitscht das Wasser in der Faxafloibucht auf. Zwei Walarten gibt es hier, Zwergwale mit 5-6 Metern Länge und Schweinswale, die selten größer als 2 Meter werden, die kleinsten Wale also. Mag sein, dass sich auch mal ein Buckelwal hierher verirrt hat, ich vermute hinter dem Gerücht aber eher ein Werbe-Gag der Wale-Watcher. Die großen Wale bleiben lieber draußen auf ihren Wanderwegen vor der Küste.
Die Sache wird zunehmend unangenehmer, das Boot macht in der rauen See meterhohe Bocksprünge und ich muss mich mit beiden Händen irgendwo festklammern. An Fotografieren ist nicht zu denken, und wenn der Wal-Mann im Ausguck schreit: „Wal auf 12 Uhr“, oder „ein Blas auf 1 Uhr!“ kann ich im aufgewühlten Wasser nichts erkennen. Die meisten Passagiere hängen schon, grün im Gesicht unter Deck in den Bänken, als auf dem Rückweg für Sekundenbruchteile die Rückenflosse eines kleinen Schweinswals auftaucht, dann ist der Spuk vorbei. Auch ich verziehe mich klamm und durchgefroren unter Deck und beneide Gundi, die den Unfug nicht mitgemacht hat und nun trocken und warm im gemütlichen Bett liegt.
Mittags kommt die Sonne wieder raus. Wir verabschieden aus von Island in Richtung Schottland und ich verschwinde in die Kabine für ein gemütliches Mittagsschläfchen.
Abendessen gibt es heute in der Sushi-Bar und den Yellow Kick an der Aida Bar. Zur Mama-Mia Show des Aida Show Ensembles bekomme ich Lust mal einen andern alkoholfreien Drink zu probieren und erinnere mich, dass Anna vom „Long Island Ice Tea“ der Aida geschwärmt hat, also bestell ich einen. Schmeckt ganz gut aber beim zweiten Schluck kommen mir leise Zweifel wegen des Alkohols. Ein Blick in die Karte bringt Aufklärung, der „Tee“ besteht aus Rum, Gin, Wodka, Tequila, Cointreau mit einem Schuss Cola und einem Spritzer Zitrone. Das Zeug haut dir schneller die Birne, als du es trinken kannst. Also lieber noch eine Bionade und dann ab in die Heia.


14.Juli, Seetag


Wir merken, dass die Reise langsam zu Ende geht. Bis 12 Uhr müssen wir an der Rezeption die Banderolen für die Koffer abholen und sagen, wann wir mit dem Shuttle zu unserem Auto gebracht werden wollen. In Hamburg ist Triathlon, deshalb wird die Abreise komplizierter.
Seetag bedeutet: Banane zum Frühstück und zwei Stunden Training. Dazu passend das Mittagessen in der Sushi Bar. Inzwischen habe ich mich zum Sushi-Fan entwickelt, wegen des Essens, aber auch wegen der Atmosphäre und der Ruhe, die allerdings ganz nett von der Bedienung, Anne Katrin, dem Plappermäulchen aus Husum, aufgelockert wird. Gundi holt sich heute lieber im Getümmel des Marktrestaurants gegarten Fisch mit Gemüse, Salat und Obst.
Es folgt der Cocktailworkshop, wir fangen also schon am frühen Nachmittag mit der Sauferei an. Los geht es mit Sekt pur oder mit Schuss, je nach Wunsch. Dann stellen uns die Barkeeper den klassischen Aufbau einen Bar vor, links die Flaschen für Cocktails, rechts die für Longdrinks, immer mit dem Etikett zum Gast. Die Flaschen mit den Fruchtsäften, und wie sie sich farblich unterscheiden, das Handwerkszeug wie Shaker, Sieb, Zange und Eisschaufel. Oberstes Gebot Hygiene, also Hände waschen, und dann geht es los. Mein erster Cocktail ist eine Pina Colada aus zwei Sorten Rum, Ananassaft, Sahne und Kokossirup, lange schütteln, denn Sahne und Sirup müssen sich gut mischen und kalt werden. Es folg ein Bloody Brain, Sambuca in ein Shooter-Glas, darauf vorsichtig, dass sich beides nicht mischt, Baileys und dann einen Tropfen Grenadine. Sieht sehr gespenstisch aus, schmeckt aber nicht schlecht. Zum Abschluss mixe ich noch einen Mai Tai aus drei Sorten Rum, Apricot-Brandy, Mandelsirup, Lime-Juice, Zitronen- und Ananassaft. Der ist für Gundi, ich probiere lieber noch einen 23 Jahre alten Rum. Damit ist die Grundlage für ein kräftiges Abendessen gelegt.
Das gibt es im Buffalo Steak House, und zwar mit dem größten Steak, das sie haben, einem 750-Gramm-Porterhouse Steak. Zur Vorspeise noch ein wenig Bisonschinken und eine Gabel Salat, dann das Steak. Es ist einfach grandios, ein wunderbares T-Bone mit Filet auf der einen und Entrecote auf der anderen Seite des Knochens. Einem guten Bistecca Fiorentina steht es in nichts nach, es ist lediglich etwas dünner und damit auch für eine Person zu schaffen, wenn man ein gutes Steak mag.
Den Tag beschließen wir wie immer an der Bar.


15.Juli, Invergorden, Schottland


Eigentlich sollte ich mich dran gewöhnt haben, aber dem ist nicht so. Der Rummel in sächsischem Dialekt raubt mir die Lust am Frühstück. Entweder an Bord sind überproportional viele Bürger aus diesem Teil Deutschlands oder sie sind lauter als die anderen.
Dazu entwickelte sich gestern Abend im Steakhouse ein nettes Gespräch. Das Restaurant war unüberhörbar vorwiegend mit Sachsen besetzt. Unser Tischnachbar wählte das Tagesmenü im Angebot, dazu ein Glas Hauswein und fragte mich, ob die Brötchen gesondert bezahlt werden müssen oder zum Essen gehören. Ich muss ihn wohl sehr erstaunt angeschaut haben denn er begann sofort entschuldigend zu erklären, als Schwabe habe er sich zum ersten Mal auf der Reise ein Essen in einem Á la carte Restaurant gegönnt, um dem Trubel an den „all inklusive“ Buffets zu entfliehen. Seine Praxis als Arzt und Psychoanalytiker hat er aufgegeben. Im öffentlichen Dienst, als Leiter des Gesundheitsamtes Heilbronn hatte er mehr Zeit, um seine kranke Mutter zu pflegen. Nun über 50 und Single möchte er noch etwas von der Welt sehen. Der sächsische Dialekt war ihm auch aufgefallen, verständnisvoll meinte er dazu, im Osten gäbe es halt noch einen großen Nachholbedarf für Reisen. Mein Einwand, die Wende sei immerhin schon 20 Jahre her machten ihn nachdenklich. Wie sich ein Ehepaar aus Leipzig mit ihrer Rente seit 15 Jahren jährlich eine Kreuzfahrt leisten kann, immerhin alle Aida Touren, die Hurtig Routen, mit der Queen Mary nach New York, mit Phönix und Costas durchs Mittelmeer und in den Orient, konnte er auch nicht erklären. Wir leisten uns halt seit 20 Jahren treu und brav unseren SOLI um die Last gerecht auf alle Schultern zu verteilen, meinte er.
Nur kein Neid kommen wir lieber zum Ausflug ans Loch Ness und nach Inverness. Unser Guide ist ein echter Schotte, dessen Englisch – sorry Schottisch - sehr gut zu verstehen ist. Mit dem Bus geht es zügig ans Loch Ness. Wir haben schon Verspätung, deshalb gibt es keinen Halt bei den Sandbänken im Fjord um Seehunde zu sehen, das Wasser ist eh schon zu hoch. Ich sehe vom Bus aus dennoch einen Seehund und mir gelingt sogar ein Foto von ihm.
Das Urquhart Castle am Loch Ness ist eine unbedeutende Burg, die von ihren Besitzern gesprengt wurde, weil der Unterhalt zu viel Geld kostete. Als ich mich vor 40 Jahren hier mit einer schottischen Jugendfreundin getroffen habe, war es eine malerische Ruine. Ab den 80er Jahren hat man Loch Ness mit Castle und Umland touristisch voll erschlossen. Heute steht das Gebiet dem Rhein zwischen Mainz und der Loreley in nichts nach.
Nessy grüßt aus einem Hotelteich auf der Fahrt nach Inverness. Wir haben noch mehr Verspätung und daher nur 45 Minuten Zeit, einfach zu wenig für diese Stadt. Ein kleiner Rundgang hoch zum Castle und zurück zum Bus – mehr geht nicht, Gundi nimmt es mit der Pünktlichkeit wie immer sehr genau. Um halb zwei sind wir zurück in Invergorden. Obwohl erst um halb sechs „alle Mann an Bord ist“ hat Gundi keine Lust mehr auf einen Spaziergang mit Einkaufsbummel. Sie hat Hunger und stimmt sogar einem Imbiss im „Pizza Mare“ zu, um mich aufs Schiff zu locken.
Die Sushis beim Abschiedsessen sind noch hübscher dekoriert als sonst. Der Sushi Meister hat sich besondere Mühe gegeben, weil ich angekündigt habe fotografieren zu wollen. Anne Katrin möchte Morgen aufgenommen werden, sie will sich erst die Haare schön machen.
Die Shows, die wir uns anschließen ansehen, sind toll, „Somnambul“ auch in der Wiederholung und danach Emmi & Willnowsky. Besser als im Programm kann man es nicht beschreiben: “… präsentieren die schrägsten Lieder, die schlimmsten Witze und die schrillsten Sketche. Mit ihrem abgründigen Witz schaffen sie die Gratwanderung zwischen Geschmacklosigkeit und spießiger Entlarvung.“ Wir haben uns in die Hosen gepinkelt vor Lachen und danach den Tag mit einem schönen Pils an der Bar ausklingen lassen. Zum ersten Mal seit der Abreise ist es wieder richtig dunkel, als wir gegen Mitternacht ins Bett gehen.


16.Juli, Seetag


Der letzte Tag unserer Reise ist gekommen. „Housekeeping“ klopft schon sehr früh an die Tür. Wir stehen auf und gehen frühstücken. Es ist ungewöhnlich leer, jede Menge freier Fensterplätze, Ruhe und volle Buffets. Erst als die immer lächelnden Kellner beginnen, die freien Tische abzuräumen merke ich, dass ich vergessen habe, die Uhr wieder vorzustellen, es ist schon fast zehn Uhr.
Infos zur Abreise im Theatrium, Generalprobe des Kids Club für die Aufführung am Abend, eine Revue mit Liedern von Peggy March vom Show Ensemble und ein wenig Koffer packen. Dabei geht mir der Gedanke durch den Kopf, dass unser Schiff während der Reise insgesamt sicher nicht leichter geworden ist. Die ganzen Lebensmittel haben sich nur gleichmäßig auf die Hüften und Bäuche der Gäste verteilt. Nur am Rande: Aus den 2.200 Passagieren konnte man schon vor Beginn der Reise gut und gerne 4.000 Normalgewichtige basteln.
Der Urlaub klingt langsam aus, das Training schenke ich mir heute, sechs Einheiten in zwölf Tagen sind genug.
Gundi drängelt, weil die anderen Gäste noch frühstücken und ich hier sitze und schreibe. Na und, auch wenn wir alleine an einem Tisch für acht Personen sitzen, gibt es noch genügend freie Plätze.
Es bleiben nur noch zwei Kleinigkeiten, eine Flasche vom 23 Jahre alten Rum besorgen und das Farewell Menü heute Abende im Rossini.
Im Bordverkauf gibt es leider nur noch den sieben Jahre alten Rum, aber im Rossini ein köstliches Acht Gänge Menü. Gerne würde ich Fotos von den einzelnen Gängen machen. Sie sind allesamt köstlich und dazu wirklich sehr hübsch angerichtet, aber leider habe ich mein Makroobjektiv nicht dabei, und die Portionen sind doch sehr "überschaubar". Soviel zur Kritik am Menü, in der Summe wurde aber sogar ich satt.
Auch den Espresso nehmen wir heute im Rossini. Alleine die Kalorien der Pralinen, Trüffeln und sonstigen Leckereien, die dazu gereicht werden, stellen den gesamten Energiegehalt des Menüs locker in den Schatten.
Um zwei Uhr müssen die Koffer auf dem Gang stehen, am Morgen werden sie uns wieder zum Auto gebracht.


17.Juli, Abreise


Hamburg ist so grau und verregnet wie vor 14 Tagen. Das letzte gemütliche Frühstück an Bord, dann raus aus dem Schiff, ein wehmütiger Blick zurück, und ab in den Shuttle, der uns zum Parkplatz bringt, auf dem wir unser Auto in Empfang nehmen. Die Koffer werden eingeladen und ab geht es, auf die Autobahn nach Hause.
Schade, die Reise war superschön und viel zu schnell zu


- ENDE -